Konfliktfeld Pflege
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PKMS

Besonders aufwendige Pflege im Krankenhaus kann gegenüber den Krankenkassen bisher nicht geltend gemacht werden. Wenn auf einer Station mehrere Patienten liegen, die stets von zwei Pflegekräften versorgt werden müssen oder aus anderen Gründen einen überdurchschnittlichen Zeitaufwand erfordern, bekommt das Krankenhaus nicht mehr Geld als für Patienten mit vergleichbaren Erkrankungen, die lediglich einen "normalen" Pflegeaufwand erfordern. Daher hat der Deutsche Pflegerat einen "Pflegekomplexmaßnahmen-Score" (PKMS) entwickelt, mit dem dieser Aufwand dokumentiert werden kann. Ab 2012 können Krankenhäuser den Aufwand in Rechnung stellen.

Ein bürokratisches Monster

Der PKMS wird auf zwei DIN A3-Bögen dokumentiert. Der erste Vordruck enthält die anzukreuzenden möglichen Gründe für hochaufwendige Pflege. Die Gründe sind jeweils mit mehreren Beispielen hinterlegt. Die Schrift ist derart klein gehalten, daß man eigentlich eine Lupe zum Entziffern braucht, auf jeden Fall aber hoch konzentriert lesen muß, um keine Fehler zu machen.

Der zweite Vordruck enthält zu den Gründen passende Maßnahmen, die jeweils durchzuführen wären. Einige Maßnahmen sind je nach Fall aber unmöglich durchzuführen, zum Beispiel Kontinenztraining bei hochgradig dementen Patienten. Für andere Maßnahmen ist zwingend die Anwendung eines bestimmten Expertenstandards einzuhalten. Eine PKMS-Einstufung ist überhaupt erst möglich, wenn pro Tag und für den gesamten Erfassungszeitraum eine bestimmte Punktzahl erreicht wird.

Auf diesem zweiten Bogen ist auch die Durchführung abzuzeichnen. Wird eine Maßnahme von zwei Pflegekräften durchgeführt, müssen auch beide abzeichnen. Bei mehrfacher Durchführung soll jede Maßnahme gesondert - mit Uhrzeit - abgezeichnet werden. Leider sind die Spalten dafür sehr sehr klein gehalten. Bestimmte Maßnahmen erfordern eine zusätzliche Dokumentation, zum Beispiel Einfuhrprotokolle und Lagerungspläne.

Der Pflegerat weist darauf hin, daß eine Doppeldokumentation zu vermeiden ist.

Das erstmalige Anlegen eines PKMS-Bogens für einen Patienten erfordert ungefähr eine halbe Stunde.

Kann sich eigentlich noch jemand daran erinnern, daß Politiker vor einigen Jahren eine Entlastung der Pflege von bürokratischem Aufwand gefordert haben?

Fallen im PKMS

Für die PKMS-Dokumentation gibt es einige Regeln, die strikt einzuhalten sind. Zum Beispiel können hochaufwendige Lagerungen nur geltend gemacht werden, wenn diese mindestens 4mal täglich von zwei Pflegekräften und 4mal täglich von einer Pflegekraft allein durchgeführt werden. Wird die Lagerung von zwei Pflegekräften durchgeführt, müssen beide abzeichnen. Wird dies nur einmal vergessen oder eine Lagerung mit zwei PK ist wegen Personalmangel oder aus anderen Gründen nicht möglich, gibt es für diesen Tag keine Punkte. Auch eine Mithilfe bei der Lagerung durch Angehörige, Physiotherapeuten oder andere Berufsgruppen kann nicht geltend gemacht werden.

Im Leistungsbereich Ernährung wird beispielsweise verlangt, daß 3 Hauptmahlzeiten und mindestens 1 Zwischenmahlzeit UND mindestens 7 mal Getränke zu unterschiedlichen Zeiten, bei einer Gesamtmenge von mindestens 1500 ml verabreicht werden. Nachmittags oder zur Nacht das Kompott vergessen? Pech gehabt! Krankheitsbedingte Flüssigkeitsrestriktion von weniger als 1,5 Liter? Pech gehabt! Patient mußte wegen einer OP oder Untersuchtung den halben Tag nüchtern bleiben und schafft deswegen die Menge nicht mehr? Pech gehabt!

An einigen Stellen werden Maßnahmen aufgeführt, von denen die meisten wahrscheinlich noch nie gehört haben: NDT-Konzept, MRP, Bag-bath/Towelbath, GKW nach Inhester und Zimmermann, Faszilitieren/Inhibieren des Schluckaktes. Zum Glück sind dies nur Alternativen zu geläufigeren Methoden, die Auflistung erinnert uns aber an eine Podiumsdiskussion mit einem Politiker, in der das Publikum eine bessere Förderung der Pflege Dementer forderte, dieser im Gegenzug erwiderte: "Lernt erst einmal »Dementia Care Mapping«!" Bitte, was? [1]

Mehr Geld???

Das "Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus" (InEK) ermittelt gegenwärtig den Wert der Prozedur "hochaufwendige Pflege". Der Pflegerat schreibt selbst, daß zu viele PKMS-Patienten den Wert ins Bodenlose drücken würden. Daher sei die Meßlatte, ab wann man von "hochaufwendig" sprechen könne, entsprechend hoch gelegt.

Das Problem ist, daß in der Tat gar kein zusätzliches Geld für PKMS zur Verfügung steht. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat wieder einen festen Deckel auf die Krankenhauskosten geschraubt. Die "erlaubten" Steigerungen gleichen gegenwärtig nicht einmal die Tarifsteigerungen aus. In 2011 sollen die Krankenhäuser sogar noch einen zusätzlichen Sparbeitrag zur Sanierung der gesetzlichen Krankenversicherung leisten.

Konsequent zu Ende gedacht heißt dies: Wenn InEK einen Betrag x für hochaufwendige Pflege festlegt, muß das Geld bei anderen Leistungen eingespart werden. Ein Null-Summen-Spiel. Absurd, oder?

Deja vu

Anfang der 1990er Jahre ist bereits einmal eine Regierung angetreten und wollte die Lage der Pflege im Krankenhaus verbessern. Das Zauberwort hieß damals "Pflegepersonalregelung" (PPR). Mit Hilfe der PPR sollte der tatsächliche Personalbedarf ermittelt werden. Nach zwei Jahren wurden die Erwartungen so deutlich übertroffen, daß die Verantwortlichen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und riefen: "Das wird ja viel zu teuer! Wir begraben die PPR lieber wieder!" Statt einer bedarfsgerechten Personalausstattung setzte danach ein beispielloser Personalabbau ein.

Unsere Prophezeiung lautet daher: Spätestens 2015 wird PKMS genauso begraben, weil entweder die Kosten zu hoch sind oder sich herausstellt, daß der bürokratische Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht.

Links

Auf folgenden Seiten gibt es weiterführende Informationen:


  1. [1] Dementia Care Mapping ist eine Methode, um die Pflegequalität bei verwirrten Menschen zu messen. Pflegewiki

Oktober 2010

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