Kommentar zu einem Interview der Zeitung "Der Tagesspiegel" mit Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, veröffentlicht am 8.2.2011
Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, hat in einem Interview mit der Zeitung "Der Tagesspiegel" zu Recht kritisiert, daß Pflegekräfte seit Jahren von der Politik nicht als Bestandteil des Gesundheitswesens wahrgenommen werden und von der tariflichen Entwicklung abgekoppelt sind. Insbesondere der massive Personalabbau der letzten Jahre - der sich in den nächsten Jahre zudem noch verschärfen werde - bei gleichzeitig gestiegener "Arbeitsverdichtung und wachsender Bürokratisierung" bringe Pflegekräfte in einen "inneren Widerspruch", die sie zur Aufgabe ihres Berufes oder zum Wechsel ins Ausland treiben. So gingen "viele motivierte und qualifizierte Kräfte" verloren.
Westerfellhaus fordert zu Recht, daß Pflegekräfte sich stärker solidarisieren und artikulieren sollen. Sie sollen sagen: "Das machen wir nicht mehr mit, wir lassen es nicht zu, daß man uns von der tariflichen Lohnentwicklung abkoppelt".
Im nächsten Schritt geht Westerfellhaus allerdings fehl, indem er fordert, daß "die Gewerkschaften (...) endlich reagieren" müssen. Ansonsten müsse die Pflege ihre "Interessen selbst in die Hand nehmen". Im Interview wird dabei eine Vergleich zum Marburger Bund gezogen, der schließlich in 2006 eine Lohnerhöhung von 30% durchgesetzt habe.
Sie vergleichen Äpfel mit Birnen!
Der Marburger Bund ist keine Gewerkschaft im eigentlichen Sinne, sondern eine Ständeorganisation, die ihre Mitglieder schon an den (arbeitgeberunabhängigen) Universitäten wirbt. Können Sie sich auch nur eine Kranken- oder Altenpflegeschule in Deutschland vorstellen, die eine so massive Mitgliederwerbung zulassen würde?
Außerdem: 2006 sind die Streiks des Marburger Bundes zwar von den Assistenzärzten getragen worden, den größten Nutzen hatten aber die Ober- und (indirekt) Chefärzte der Krankenhäuser. ver.di-Gewerkschafter "ticken" da deutlich solidarischer und denken nicht nur an sich selbst!
2008 hat ver.di gemeinsam mit anderen Organisationen die Kampagne "Der Deckel muß weg!" organisiert und 130.000 Krankenhausbeschäftigte in Berlin auf die Straße gebracht. Seit 2008 läuft die ver.di-Kampagne "Altenpflege in Bewegung". Permanent finden bundesweit Aktionen von gewerkschaftlich organisierten Pflegekräften statt.
Den Versuch, eine eigenständige "Pflegegewerkschaft" aufzubauen, hat es ja schon gegeben. "Berufe im Gesundheitswesen" ist in der "gelben" Gewerkschaft medsonet aufgegangen, die bisher allerdings nur Dumping-Tarifverträge zustande gebracht hat.
Das Problem ist, daß eine Gewerkschaft nur so stark sein kann wie die Zahl ihrer Mitglieder ist. Leider ist die Bereitschaft von Pflegekräften, sich gewerkschaftlich zu engagieren, in Deutschland sehr unterentwickelt.
Herr Westerfellhaus, Sie behaupten, über den Pflegerat alle 1,2 Millionen Pflegekräfte zu vertreten. Die Wahrheit ist jedoch, daß der Pflegerat lediglich ein Dachverband von zur Zeit 16 zum Teil sehr spezialisierten und zum Teil sogar konkurrierenden Berufsverbänden ist. Statt sich über die vermeintliche Schwäche der Gewerkschaften aufzuregen, sollten Sie lieber dafür eintreten, daß sich möglichst viele Pflegekräfte überhaupt einer Gewerkschaft anschließen!
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