Wir wollen an dieser Stelle keinesfalls nochmals die Physiologie der Haut, die Entstehung von Dekubiti oder deren Prophylaxe und Therapie behandeln. Das wird bereits auf zahlreichen Internet-Seiten hinreichend und gut gemacht. Wir wollen vielmehr ein Tabu brechen und die psychische Belastung, die stets mit der Enstehung eines Dekubitus für Pflegende einhergeht, hinterfragen.
Spätestens seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs, der ein Krankenhaus wegen eines Dekubitus zu Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilte (aber nicht etwa wegen dem Dekubitus selbst, sondern weil nicht ausreichend dokumentiert war, daß alles menschenmögliche zur Verhütung getan worden war), ist die Pflege regelrecht traumatisiert. Viele betrachten das Entstehen oder Nicht-Entstehen eines Dekubitus als das Qualitätsmerkmal schlechthin, erkennbar an teilweise so grotesken Äußerungen wie
Jeder Dekubitus erzeugt bei vielen Pflegekräften immer noch tiefe Schuldgefühle und Versagensängste. Wir wollen anhand einiger Beispiele und Fakten zeigen, daß auch bei aller Mühe und bester Planung und Durchführung der Pflege dennoch ein Dekubitus entstehen kann (wohl wissend, dafür von gewissen Kreisen gesteinigt zu werden :-)). Es kommt halt immer nur darauf an, alle Prophylaxen oder auch objektive Hinderungsgründe zu dokumentieren.
Der Patient hebt ständig die Lagerung wieder auf. Bei idealen Lagerungsintervallen werden die kritischen Partien höchstens 2 Stunden be- und danach mindestens 2 Stunden entlastet. Es gibt jedoch Patienten, die sich zwar nicht mehr selbständig auf die Seite, aber auf den Rücken drehen können und Lagerungsmaßnahmen nicht tolerieren. Sie heben eine Seitenlagerung meist schon nach kurzer Zeit wieder auf und drehen sich auf den Rücken, so daß die Entlastung nur minimal ist.
Mangelerscheinungen und gravierende Durchblutungsstörungen. Besonders Menschen jenseits des 80. Lebensjahres entwickeln sich manchmal zu "Milchsuppen-Vegetariern", ernähren sich falsch, einseitig und trinken zu wenig. Das führt auf Dauer zu Eiweiß- und Vitaminmangelerscheinungen sowie Untergewicht. Eiweiß und Vitamine sind wichtig für die Gesunderhaltung der Haut, das Unterhautfettgewebe dient auch als "Weichlagerung" (siehe hierzu auch den Atikel unter www.ernaehrungsmed.de). Oft bekommen Pflegende solche Menschen erst unter ihre "Fittiche", wenn die Mangelerscheinungen schon lange bestehen und das Defizit kaum noch auszugleichen ist. Kommt dann noch eine Bettlägerigkeit hinzu, ist ein Dekubitus fast vorprogrammiert.
Die Zivilisationserkrankung "Arterielle Verschluß-Krankheit" äußert sich häufig nicht nur in Durchblutungsstörungen der großen Gefäße in den Beinen (dort werden sie nur am ehesten durch Schmerzen beim Laufen wahrgenommen), sondern halt oft generalisiert an allen Arterien.
Diabetische Mikroangiopathie Im eingekreisten Bildausschnitt ist eine Kapillare zu erkennen. Kapillare übernehmen die eigentliche Ver- und Entsorgung des Gewebes. Zwischen dem versorgenden Schenkel (Arteriole) und dem entsorgenden Schenkel (Venole) gibt es eine Verbindung, durch die normalerweise nur wenig Blut fließt. Bei langjährigen Diabetikern kommt es zu einer Störung, so daß die Haut an sich zwar noch gut durchblutet ist, das meiste Blut aber durch diese Verbindungen und kaum noch durch die Kapillare fließt. Die geringsten Drücke von außen können so bereits zu Gangränen führen.
Gemeint sind vom Arbeitgeber oder von Dritten vorgegebene Rahmenbedingungen, auf die die Pflegekraft keinen oder kaum Einfluß hat.
Fehlendes oder mangelhaftes Material. Für die Beschaffung geeigneter Lagerungshilfsmittel in stationären Einrichtungen ist der Träger der jeweiligen Einrichtung verantwortlich. In der Regel sind gewöhnliche Kopfkissen ideal und leicht und preiswert zu beschaffen. Unterläßt der Träger dies trotz Hinweises der Pflegekräfte, ist diesen kein Vorwurf zu machen, wenn dekubitusgefährdete Menschen nicht adäquat versorgt werden können.
1. Praxisbeispiel: Personalmangel. Frau L., 82 Jahre alt und pflegebedürftig, lag auf einer 32-Betten-Station eines Krankenhauses. Die Leitung des Krankenhauses wurde schon lange vom Pflegepersonal darauf aufmerksam gemacht, daß mit den tatsächlich besetzten Stellen die auf dieser Station anfallende Arbeit kaum noch zu bewältigen ist. Die Leitung berief sich darauf, daß angeblich alle Stellen besetzt seien.
Kurz vor der Entlassung von Frau L. ergab es sich, daß vormittags nur 2 Krankenschwestern und eine Krankenpflegeschülerin im Dienst waren. Auch über diesen akuten Engpaß ist die Leitung unverzüglich informiert worden. Frau L. wurde zum Frühstück auf den Rücken gelagert. Nach dem Frühstück waren die Schwestern derart mit Neuaufnahmen und Untersuchungen beschäftigt, daß sie nicht einmal selbst eine Pause einhalten konnten. Zeit, Frau L. zu lagern, fanden sie erst wieder um 13.00 Uhr. Da hatte sie aber bereits einen Dekubitus 2. Grades entwickelt.
2. Praxisbeispiel aus der ambulanten Pflege. Herr F., 90 Jahre alt und seit einiger Zeit bettlägerig, wird zuhause von seiner Frau und einem ambulanten Pflegedienst versorgt. Als er einen Dekubitus entwickelt, bewilligt die Krankenkasse den Einsatz einer Wechseldruckmatratze. Trotzdem verschlechtert sich der Dekubitus zunehmend. Herr F. ist nämlich ca. 1,80 m groß und wiegt ca. 80 kg. Seine Frau ist dagegen ca. 1,55 m groß und wiegt ca. 50 kg. Zu Herrn F. müßte eigentlich 6mal täglich (auch nachts) eine Pflegekraft kommen, um der Frau beim Umlagern zu helfen. Die Krankenkassen lehnen jedoch in der Regel mehr als 3 Hauspflegeeinsätze am Tag ab, wenn eine Wechseldruckmatratze im Einsatz ist. Im günstigsten Fall findet also der erste Einsatz morgens um 6.00 und der letzte abends um 20.00 Uhr statt. Dazwischen liegen bis zu 10 Stunden, in denen die Frau kaum die Möglichkeit hat, ihren Mann zu lagern.
Interessant ist auch folgende Internet-Seite: www.marx-pflegegutachten.de.
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www.konfliktfeld-pflege.de